Ein Feuilleton über Virtual Reality, uralte Steine und die Frage, ob man viertausendfünfhundert Jahre einfach mit einem Headset überbrücken kann.
Wer schon immer einmal eine Pyramide von innen sehen wollte, musste bisher entweder nach Ägypten reisen oder sich mit dem Nachschlagen in einer abgegriffenen Wanderkarte begnügen. Wer ganz ungeduldig war, sah sich Indiana-Jones-Filme an und hielt das für Archäologie. Nun aber, am Fuße des Donauturms, zieht die Antike buchstäblich in die Stadt: „Die Cheops-Pyramide – Eine immersive Reise ins alte Ägypten“ hat sich im Immersive Center eingemietet, als wäre Wien das vorletzte Glied einer uralten Handelsroute, deren letztes Glied Gizeh heißt.
Es beginnt, wie alle großen Expeditionen beginnen: mit einem Headset. Man setzt die Brille auf, schnallt sich fest – und schon ist es vorbei mit dem 22. Bezirk. Plötzlich steht man dort, wo die 4. Dynastie ihre unbeirrbaren Steine türmte, in den Gängen jenes Bauwerks, das die Griechen später, nicht ohne Ehrfurcht, eines der sieben Weltwunder nannten. Die Große Pyramide von Cheops, so wie sie vor viertausendfünfhundert Jahren war: ein Labyrinth aus Stille und streng vermessenem Schatten.
Das Konzept nennt sich immersive Expedition, und es hält, was der sperrige Name verspricht: Man geht. Nicht Mausklick, nicht Sitzreihe – sondern der eigene Schritt, frei durch Korridore, die sonst dem Zugriff der Welt verschlossen sind. Die Königinnenkammer, deren Zweck die Fachwelt bis heute mit vorsichtiger Stimme diskutiert, tut sich auf wie ein Geheimnis, das man durchquert, bevor man es versteht. Und dann, in einer Seitengalerie des Wunders, sitzt sie: Bastet, die Katzengöttin, mundfinster wie alle Götter, und betrachtet einen, als hätte sie nur auf diesen einen Besucher gewartet.
Dass man hier nicht den Phantasien irgendeines Softwarehauses folgt, verdankt die Erfahrung einem Mann, der die Pyramide sein Leben lang wissenschaftlich vermessen hat: Peter der Manuelian, Ägyptologe an der Harvard University, hat die Reise mitentwickelt. Das spürt man in jedem Winkel: Die Textur der Zeit stimmt. Man beobachtet, wie aus einem Lebenden ein Ewiger wird – der Mumifizierungsprozess, jene furchtbar präzise Kosmetik der Ewigkeit, wird zur Anschauung, die kein Lehrbuch bieten kann. Und plötzlich ist die 4. Dynastie keine Vokabel mehr, sondern ein Alltag, den Menschen wie wir geführt haben – nur mit besseren Göttern und schlechterer Medizin.
Man darf sich das nicht zu leichtherzig vorstellen: Das Erlebnis ist für kleine Gruppen konzipiert, dauert etwa eine Stunde und ist – das sei den hitzegeplagten Sommerstädtern ans Herz gelegt – klimatisiert; die Ägypter der Antike hätten ihre kühle Grabkammer dafür hergegeben. Ab sechs Jahren darf man mit; unter Vierzehn nur in Begleitung einer erwachsenen Person. Auch Rollstuhlfahrer können die Jahrhunderte durchqueren – die Ewigkeit, so viel steht fest, ist hier barrierefrei.
Dass bereits mehr als zwei Millionen Menschen diese Reise unternommen haben, bevor sie nach Wien kam, mag mancher als Massenware abtun wollen. Aber die Wahrheit ist eine andere: Es ist die alte, ehrwürdige Sehnsucht nach der Gegenwart der Vergangenheit, die hier in Stromleitungen gegossen wurde. Und für weniges ist das Nilschwimmen ins Altertum geeigneter als für die Frage, die man am Ausgang, zurück im 21. Jahrhundert, mit sich trägt: Wie hat man ohne Hebekran bloß so gerade bauen können?
Die Antwort wird einem auch am Donauturm nicht gegeben. Aber sie wird dort, eine Stunde lang, auf das Schönste umgangen.
Praktisches für Zeitreisende
Ort: Immersive Center Donauturm, 1220 Wien
Dauer: ca. eine Stunde
Eintritt: ab 6 Jahren; unter 14 Jahren nur in Begleitung einer erwachsenen Person
Zugänglichkeit: rollstuhlgerecht
Klima: klimatisiert (im Sommer ein Argument für sich)
Tickets & Geschenkgutscheine: Datum, Uhrzeit und Gutscheine direkt in der Ticketauswahl wählbar
Website: horizonkheopsexperience.com
Wer also schon immer einmal durch eine Pyramide schlendern wollte, ohne den Reisepass zu bemühen, hat jetzt Gelegenheit dazu – am Donauturm, wo die Donau seit jeher ein wenig wie der Nil fließt, nur kühler und mit besserer U-Bahn-Anbindung.







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