”Ostarrichi-Urkunde” erstmals in Wien!

Zum Nationalfeiertag holt das Haus der Geschichte Österreich (hdgö) die sogenannte „Ostarrichi“-Urkunde aus dem Jahr 996, in der zum ersten Mal der Name „Österreich“ erwähnt wird, nach Wien. Die Urkunde wird im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München aufbewahrt und ist erstmals seit über zwei Jahrzehnten wieder in Österreich zu sehen. Sie wird im Rahmen einer einwöchigen Spezialpräsentation unter dem Titel „#Ostarrichi. Die Karriere einer Urkunde“ vom 26.10.– 3.11.2019 gezeigt.

Die wechselvolle Geschichte der „Ostarrichi-Urkunde“ im Überblick

bild_05_Ausschnitt1. November 996
Auf seiner Rückreise von Rom macht der frisch gekrönte Kaiser Otto III. (983-1002) in Bruchsal am Oberrhein halt. Mit der dort auf Bitten Herzog Heinrichs IV. von Bayern ausgestellten Urkunde überträgt er dem Freisinger Bischof Gottschalk das Eigentum an einem Fronhof und dreißig Königshufen in der Gegend von Neuhofen an der Ybbs. Diese Region gehörte zu diesem Zeitpunkt noch zum Herzogtum Bayern. Erwähnt wird in der Urkunde aber auch die Lage dieser Güter im Herrschaftsbereich des Babenberger Markgrafen, Heinrichs I. Ein Rechtsgeschäft wie dieses ist für das Mittelalter alles andere als ungewöhnlich. Bemerkenswert ist allenfalls der Umfang der Schenkung, der für das Hochstift Freising einen bedeutenden Besitzzuwachs bedeutete. Heute ist man überzeugt, dass die Urkunde nicht in einem Schritt erstellt und ausgefertigt wurde. Vielmehr wird angenommen, dass die Kanzlei des Kaisers zunächst nur den Schlussteil der Urkunde (Eschatokoll) verfasst hat, das heißt die Signumoder Unterschriftszeile mit dem Monogramm, die Rekognitionszeile, in der der Name des für die Ausfertigung verantwortlichen Kanzlers, des Bischofs Hildibald, genannt wird, und die Datierung. Dagegen stammen das Eingangsprotokoll, vor allem aber der Kontext, das heißt der Rechtsinhalt im engeren Sinne, von der Hand eines Freisinger Schreibers. Ein solches Vorgehen war – gerade im Falle der Freisinger Kirche – nicht ungewöhnlich und gilt daher sogar als ein Indiz für die Echtheit der Urkunde.

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Der Historiker Theodor Sickel, der die Urkunde in den Monumenta Germaniae Historica (MGH) ediert, bezeichnet die Urkunde als ein „Diplom zweifelhafter Geltung“. „Diplomatische Ungereimtheiten“ erkennt er vor allem in Bezug auf das Siegel. Das Siegel, das der Urkunde zur Zeit Sickels noch lose beilag, stammte nämlich nicht vom Aussteller Kaiser Otto III., sondern von seinem Nachfolger, dem König und späteren Kaiser Heinrich II. Dieses Siegel ist heute verloren. Schon 1911 wurde sein Fehlen festgestellt. Die einzige Abbildung findet sich bei dem Freisinger Geschichtsschreiber Carolus Meichelbeck, der 1724 eine Zeichnung des Siegelbilds veröffentlicht hat. Die Verwendung des Königssiegels Heinrichs II. gibt der Forschung viele Fragen auf. Dennoch steht die Echtheit der Urkunde für die Forscher von heute außer Zweifel. Diskutiert wird lediglich, ob die Urkunde erst unter Heinrich II. besiegelt und damit vollzogen wurde oder ob das Siegel Kaiser Ottos III. im Laufe der Zeit verloren gegangen und deshalb unsachgemäß durch ein anderes Siegel ersetzt wurde.

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„Aktion 950 Jahre Österreich“
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der NS-Zeit sucht Österreich zum Aufbau seiner nationalen Identität und zur Wiedererlangung seiner Souveränität Bilder aus der ferneren Vergangenheit. Vor allem Vertreter aus den Reihen der ÖVP mit Unterrichtsminister Felix Hurdes an der Spitze engagieren sich für die Idee, die Urkunde Kaiser Ottos zum offiziellen Anlass für ein „Österreich-Jubiläum“ zu nehmen. Namhafte Wissenschaftler beschäftigen sich mit der Urkunde, auf Bundes-, Länder- und Gemeindeebene. In den Wochen vor dem 1. November organisieren unterschiedliche Einrichtungen, Traditionsvereine und Sportverbände Festveranstaltungen und Gedenktage. Vertreter der Parteien bekennen sich zur „Nation Österreich“ in Abgrenzung zu Deutschland und versuchen, historische Argumente für die charakterliche „Eigenart“ der ÖsterreicherInnen zu finden. Besonders Kindern und Jugendlichen sollte ein Österreichbewusstsein vermittelt werden. Sie waren deshalb besondere AdressatInnen der 950-Jahr-Feiern.

1976
„Ostarrichi-Urkunde“ erstmals in Österreich
Im Stift Lilienfeld wird ein anderes großes Jubiläum gefeiert: „1000 Jahre Babenberger“. Die Landesausstellung erzählt von der Babenbergerherrschaft, die ihren Ausgang im Jahr 976 in der „Mark an der Donau“ genommen hat. Im Rahmen dieser Ausstellung wird die „Ostarrichi-Urkunde“ zum ersten Mal in Österreich gezeigt.

bild_05_Ausschnitt1980
Wieder ein Jubiläum
Im Jahr 1946 hatte der Ort Neuhofen an der Ybbs bereits staatspolitische Bedeutung erfahren: Das Fest an der „historischen Stätte“ wurde zum zentralen Ereignis der offiziellen Feierlichkeiten. Unter anderem hatte Bundeskanzler Leopold Figl den „Ostarrîchi-Gedenkstein“ enthüllt. Im Jahr 1980 wird Neuhofen erneut zum nationalen Erinnerungsort: Anlässlich der 975. Wiederkehr der Ausstellung der Urkunde wird die „Ostarrîchi-Gedenkstätte“ eröffnet, unter Beteiligung von Bund, Ländern und der Gemeinde. Am 10. Mai wird das „Österreich-Fest“ gefeiert, unter Berücksichtigung „25 Jahre österreichischer Staatsvertrag“. Es spricht der Bundespräsident Rudolf Kirchschläger, die originale Urkunde bleibt im Archiv in München.

1996
Das Millennium
Bei der Konzeption der Feierlichkeiten anlässlich „1000 Jahre Ostarrichi“ kann auf die 50 Jahre früher hergestellten kollektiven Bilder und Erinnerungsorte zurückgegriffen werden. Die Österreichische Länderausstellung findet in Neuhofen an der Ybbs statt, ihr Ziel ist „eine kritisch-liebevolle Auseinandersetzung der Besucher mit ‚Österreich‘ (…)“. Die „Ostarrichi-Urkunde“ wird ausgestellt und erneut Gegenstand historischer Forschungen.

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„Ostarrichi-Urkunde“ erstmals in Wien
Das Haus der Geschichte Österreich stellt die originale Urkunde ins Zentrum zeitgeschichtlicher Identitätsbildungsprozesse und -diskussionen. Indem das Museum die „Ostarrichi-Urkunde“ kurz vor dem ersten Geburtstag des Hauses der Geschichte Österreich in der Hofburg präsentiert, bewegt es sich selbst im Spannungsfeld von Wissenschaft, Geschichtspolitik und Öffentlichkeit.

Der Bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Bernd Sibler, zeigt sich erfreut darüber, dass es möglich ist, die Urkunde für eine Woche nach Wien auszuleihen: „Mit der Ausleihe der häufig nachgefragten ‚Ostarrichi-Urkunde` trägt der Freistaat Bayern der großen Bedeutung Rechnung, die dieses Dokument für die Republik Österreich und ihre Bürger besitzt. Wir verstehen dies auch als Zeichen der guten nachbarschaftlichen Beziehungen, die ihre Wurzeln in einer langen gemeinsamen Geschichte und Tradition haben.“ „Originale Quellen bieten einen faszinierenden Einblick in unsere Geschichte und machen diese für die Menschen erlebbar. Es freut mich, dass eines der bedeutendsten Dokumente unserer Geschichtsschreibung – das vielen aus den Schulbüchern bekannt ist – nun für kurze Zeit in Wien zu sehen ist. Mein Dank gilt dem Haus der Geschichte Österreich für die Initiative und dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv für die Zusammenarbeit“, so der Österreichische Bundesminister für EU, Kunst, Kultur und Medien, Alexander Schallenberg.

Dr. Margit Ksoll-Marcon, die Generaldirektorin der Staatlichen Archive in Bayern, unterstreicht das besondere Entgegenkommen gegenüber dem Haus der Geschichte Österreich: „Die ‚Ostarrichi-Urkunde` ist eines der hochkarätigsten Stücke aus den umfangreichen, vielfältigen und überregional bedeutsamen Archivbeständen des Bayerischen Hauptstaatsarchivs. Die Ausstellung einer solchen über 1000 Jahre alten Pergamenturkunde stellt höchste Anforderungen an den Transport und die Präsentation. Dass die Urkunde erstmals in der österreichischen Hauptstadt gezeigt werden kann, erfüllt mich mit Stolz und Freude.“

Dr. Bernhard Grau erklärt, wie eine Urkunde, die für die Geschichte Österreichs eine so fundamentale Bedeutung besitzt, in die Bestände des Bayerischen Hauptstaatsarchivs gelangt ist: „Dass die ‚Ostarrichi-Urkunde? heute im Bayerischen Hauptstaatsarchiv verwahrt wird, ist kein Zufall, sondern hat mit dem darin festgehaltenen Rechtsgeschäft zu tun. Kaiser Otto III. übertrug mit dieser Urkunde dem Bischof von Freising Grundbesitz im Raum von Neuhofen an der Ybbs im heutigen Niederösterreich. Das Hochstift Freising war deshalb der Empfänger der Urkunde und hatte diese über die Jahrhunderte hinweg in seinem Archiv verwahrt. Noch am Beginn des 19. Jahrhunderts diente sie als Nachweis für die darin verbrieften Rechtsansprüche. Erst durch die Säkularisation ging dieser Grundbesitz verloren. Zur gleichen Zeit übernahm das Kurfürstentum Bayern große Teile des Freisinger Archivs, insbesondere alle diejenigen Unterlagen, die Herrschafts- und Gerichtsrechte sowie die Beziehungen zu auswärtigen Staaten betrafen. Damit kam auch die ‚Ostarrichi-Urkunde` in die Verfügungsgewalt der kurfürstlich-, dann königlich-bayerischen Zentralarchive.“

Zur Präsentation der Urkunde im Haus der Geschichte Österreich in Wien sagt Dr. Monika Sommer, Direktorin des Haus der Geschichte Österreich: „Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die ‚Ostarrichi-Urkunde` eine wichtige Rolle auf der Suche nach einer neuen österreichischen Identität ein. Wir zeigen das kostbare Dokument erstmals unter diesem Aspekt und erstmals in Wien. Ein idealer Zeitpunkt für Klein und Groß, um dieses einzigartige historische Dokument und seine Bedeutung für die Zeitgeschichte unseres Landes zu entdecken.“

Herkunft, Inhalt und Bedeutung der „Ostarrichi-Urkunde“
Mit der „Ostarrichi-Urkunde“ übertrug Kaiser Otto III. am 1. November 996 Grundbesitz an den Freisinger Bischof. Als Nachweis dieser Besitztitel wurde die Urkunde über Jahrhunderte hinweg im Archiv des Hochstifts Freising verwahrt. Im Zuge der Säkularisation kam sie in staatlichen Besitz. Heute wird sie unter der Signatur Hochstift Freising Urkunden 14 im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München aufbewahrt. Die Urkunde ist das älteste bekannte Dokument, in dem die geographische Bezeichnung „ostarrîchi“ – die althochdeutsche Vorform des späteren Staatsnamens Österreich – als Bezeichnung von heute österreichischem Gebiet Verwendung findet.

Österreich feiert sich selbst
Thematisiert wird im Haus der Geschichte Österreich die Nutzung des Dokuments für identitätspolitische Zwecke in der Zweiten Republik. Um nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 auf dem Weg zur Wiedererlangung der Souveränität eine neue „Österreich-Identität“ zu formen, suchte die junge Zweite Republik nach Bezugspunkten in der Geschichte. So wurde die „Ostarrichi“-Urkunde zu einem Argument für die lange Vorgeschichte der österreichischen Nation.

Erstmals gefeiert wurde ein „Ostarrichi“-Jubiläum zum 950. Jahrestag der Ausstellung der Urkunde im Jahr 1946. Forciert wurden die Feierlichkeiten, die „Ausgangspunkt einer neuen Kraftwelle“ im Wiederaufbau sein sollten, vom damaligen Unterrichtsminister Felix Hurdes. Auf seine Initiative hin wurde für den Herbst 1946 die „Aktion ‚950 Jahre Österreich'“ ausgerufen, um „die Jugend zu österreichischem Bewusstsein und zur Achtung vor der ruhmvollen Vergangenheit des Vaterlandes zu erziehen“. Am Sonntag, den 29. September 1946 brachte eine „Ostarrichi-Staffel“ eine Abschrift der „Ostarrichi-Urkunde“ von Neuhofen an der Ybbs nach Wien. 1976 war die „Ostarrichi-Urkunde“ bei der Ausstellung „1000 Jahre Babenberger in Österreich“ in Lilienfeld erstmals im Original zu sehen. Noch ein zweites Mal, 20 Jahre später, stand die Urkunde 1996 im Mittelpunkt großer Feiern zu „1000 Jahre Österreich“. Die „Österreichische Länderausstellung“ nahm das Jahr 996 zum Ausgangspunkt für eine intensive Auseinandersetzung mit Österreich, seinem Namen und seiner Geschichte.

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